Führender deutscher Supermarkt ALDI SÜD verlangt Antworten vom US-Sojariesen Bunge wegen Verbindungen zur jüngsten Abholzung des Cerrado

Sydney Jones

Press Secretary

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Carole Mitchell

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Bunge, der wichtigste Sojalieferant für die Fleischindustrie in der Europäischen Union (EU), steht laut einer Untersuchung von Mighty Earth und der Deutschen Umwelthilfe (DUH) in Zusammenarbeit mit Repórter Brasil und dem Instituto Centro de Vida (ICV) direkt mit der Entwaldung von 15.897 Fußballfeldern in der bedrohten Cerrado-Savanne in Brasilien in Verbindung. Unsere Untersuchung zeigt auf, dass Soja von Bunge als Tierfutter für die Produktion von Rind-, Schweine-, Geflügel- und Milchprodukten in Frankreich, Spanien, Deutschland und den Niederlanden verwendet wurde. So zeigen unsere Recherchen zum Beispiel, dass der zweitgrößte deutsche Geflügelproduzent Rothkötter, der zahlreiche deutsche Supermärkte und Systemgastronomieunternehmen beliefert, Soja direkt von Bunge bezieht. Rothkötter beliefert inzwischen einen großen Teil seiner Kunden mit zertifiziert entwaldungs- und gentechnikfreien Geflügel. An welche Kunden das mit Bunge-Soja gefütterte Geflügel geht und aus welchen Regionen das Soja stammt, ist leider nicht transparent. Das Unternehmen hat auf unsere Nachfragen zur Herkunft des verwendeten Sojas und seinen Umgang mit Risiken für Entwaldungen und Landraub nicht reagiert. Rothkötters nicht zertifiziertes Geflügel geht vermutlich in weniger sichtbare Märkte, wie kleinere Restaurants.

Während große deutsche Einzelhändler wie Lidl, REWE oder Aldi Süd und Restaurantketten wie McDonalds inzwischen nach eigenen Angaben nur noch zertifiziert-nachhaltiges Geflügelfrischfleisch beziehen, besteht vor allem bei der Fütterung von Schweinen noch großer Nachholbedarf. Kein einziges von der DUH und Mighty Earth befragten großen Einzelhandel- und Systemgastronomieunternehmen kann derzeit für all seine Schweinefleischprodukte eine Fütterung frei von Naturzerstörung gewährleisten.

Obwohl große deutsche Einzelhändler und Systemgastronomen entsprechendes Schweinefleisch nachfragen, sind die deutschen Schweinefleischproduzenten bisher nicht in der Lage, ausreichende Mengen zu liefern. Nur Tönnies und Vion haben auf unsere Anfragen geantwortet. Beide haben nach eigenen Angaben keinen Überblick darüber, welche Futtermittel ihre zahlreichen Zuliefermäster einsetzen. Die Futtermittelindustrie reagiert am zögerlichsten auf die gestiegene Nachfrage nach Sojafutter ohne Naturzerstörung. Aus acht von uns kontaktierten Futtermittelunternehmen hat nur AGRAVIS den Kauf von Bunge-Soja aus Brasilien ausgeschlossen.

Unsere Anfragen ergaben auch, dass große europäische Einzelhandelsunternehmen wie Carrefour und Les Mousquetaires in Frankreich oder Jumbo in den Niederlanden Soja von Bunge in ihren Fleischlieferketten verwenden, und andere wie EDEKA in Deutschland nicht ausschließen können, dass Sojafuttermittel von Bunge in ihren Wertschöpfungsketten enthalten sind. EDEKA ist es bisher nicht gelungen, nachhaltiges Sojafutter für ein einziges gesamtes Tierproduktsortiment (Molkereiprodukte, Fleisch- und Wurstwaren, Eier, etc.) sicherzustellen. Von den von uns angefragten deutschen Einzelhändlern wollte nur Lidl den Bezug von Soja von den acht in diesem Bericht untersuchten Bunge-Zulieferern ausschließen.

 

Naturzerstörungen im brasilianischen Cerrado durch BUNGE-Zulieferer

Eine gerade von Repórter Brasil veröffentlichte Untersuchung ergab, dass der in den USA ansässige Agrarhändler Bunge Soja von drei Lieferanten gekauft hat, die für die Naturzerstörung auf 11.351 Hektar im brasilianischen Cerrado nach 2021 verantwortlich sind[1]. Die Mighty Earth vorliegenden Rechnungen über die Getreidelieferungen belegen die Handelsgeschäfte und bringen die Bunge-Anlagen zur Verarbeitung von Soja direkt mit den drei Farmen in Verbindung, auf denen die Entwaldung stattfand. Unser Partner AidEnvironment hat fünf weitere Fälle aufgedeckt, die mit zusätzlichen 14.598 Hektar Naturzerstörung verbunden sind, die Anfang 2023 im Cerrado erfolgten und zwar in Gemeinden, in denen Bunge der führende Sojaexporteur ist. Das brasilianische Soja geht an die vier wichtigsten Importländer in Europa: Spanien, Frankreich, Deutschland und die Niederlande. Die europäischen Länder, die großen Einzelhändler, die Fleischindustrie und die Futtermittelhersteller spielen eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht, die derzeitige Zerstörung und Degradierung im Cerrado zu stoppen – einem riesigen und weltweit bedeutenden Biotop, das inzwischen zu einem der größten Entwaldungsherde geworden ist.

In der Tat hat die Entwaldung im Cerrado einen Rekordstand erreicht. Zwischen Januar und Mai 2023 wurden 353.200 Hektar zerstört, der höchste Wert der letzten fünf Jahre[2]. Betrachtet man nur den Monat Mai 2023, so waren die Entwaldungsmeldungen im Cerrado um 83 Prozent höher als im Jahr 2022. Im Gegensatz dazu gingen im Amazonas-Regenwald in diesem Jahr zwischen Januar und Mai 198.600 Hektar einheimischer Vegetation verloren, was einem Rückgang von 31 Prozent gegenüber 2022 entspricht[3].

Der Cerrado, der wegen seines riesigen Wurzelsystems auch als „auf dem Kopf stehender Wald” bezeichnet wird und fünf Prozent der weltweiten Artenvielfalt beherbergt, ist das am stärksten bedrohte bewaldete Ökosystem Brasiliens. Die Hälfte des Cerrado wurde bereits abgeholzt und in Acker- oder Weideland umgewandelt[4]. Mit mehr als 50 Prozent der Sojaanbaufläche des Landes ist er der Schauplatz von Brasiliens neuer landwirtschaftlicher Expansionsfront[5], der Region Matopiba, die die Bundesstaaten Maranhão, Tocantins, Piauí und Bahia umfasst. All diese Ausweitungen zu Gunsten der Export-Landwirtschaft gehen unweigerlich mit einer Eskalation von Landkonflikten, Landraub und Verletzungen der Rechte traditioneller und indigener Gemeinschaften einher, wie zahlreiche von den Herausgebern dieser Studie in der Region durchgeführte Interviews belegen.

 

Die EU-Verordnung gegen Entwaldung könnte den Druck auf den Cerrado erhöhen

Im Mai 2023 verabschiedete der EU-Rat die europäische Entwaldungsverordnung (EUDR). Das weltweit erste Gesetz dieser Art verlangt von Unternehmen, die mit entwaldungskritischen Rohstoffen oder Produkten handeln, einen Nachweis, dass ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse nicht zur Entwaldung oder Waldschädigung beigetragen haben, bevor sie diese auf dem EU-Markt platzieren dürfen. Die in dieser neuen Verordnung definierte “Entwaldung” beschränkt sich jedoch vorerst nur auf Flächen mit Bäumen, die höher als fünf Meter sind und einen Überschirmungsgrad von zehn Prozent aufweisen. Soja, welches aus den in unserem Bericht genannten abgeholzten Gebieten stammt und von Bunge gehandelt wird, fällt damit zunächst nicht unter den Geltungsbereich der EUDR, da viele Flächen im Cerrado bisher diese Kriterien nicht erfüllen. Jedoch beginnt bereits jetzt eine Überprüfung im Auftrag der EU-Kommission zur möglichen Ausweitung auf “andere bewaldete Flächen”. Damit wäre dann Buschland und damit große Teile des Cerrados abgedeckt. Soja von Flächen im Cerrado, die nach 2020 entwaldet wurden, verstößt jedoch beim Import bereits heute gegen verschiedene nationale europäische Verpflichtungen, wie z. B. das französische Soja-Manifest.

Da die EUDR zunächst keine “anderen bewaldeten Flächen” einschließt, besteht die Gefahr eines Spillover-Effekts, der die Abholzung des Cerrados beschleunigt: So könnten einige Sojalieferanten für die Fleisch- und Milchindustrie der EU diese Gesetzeslücke als Gelegenheit nutzen, die Produktion in diesen ungeschützten Gebieten zu intensivieren, um die EU-Vorschriften zu umgehen und damit in der Folge den landwirtschaftlichen Druck auf das Biom erhöhen.

Der derzeit eingeschränkte Geltungsbereich der EUDR ermöglicht es großen Sojahändlern wie Bunge, dem größten Lieferanten von Sojafuttermitteln in Europa, ihre Geschäfte im Cerrado wie gewohnt weiterzuführen. Jedoch tragen auch die europäischen Futtermittelproduzenten, die Fleischindustrie und die Einzelhandelsunternehmen, die Fleisch- und Milchprodukte verkaufen, die mit der Zerstörung natürlicher Ökosysteme in Verbindung stehen, eine Verantwortung für die jüngste Zunahme der Zerstörungen.

Die Deutsche Umwelthilfe und Mighty Earth haben insgesamt 100 Unternehmen in den vier größten europäischen Ländern, die Soja aus dem Cerrado importieren (Frankreich, Spanien, Deutschland und die Niederlande), angeschrieben und 56 Antworten erhalten. Damit verweigerte fast jedes zweite Unternehmen offenzulegen, ob es Soja mit Entwaldungsrisiko in seinen Lieferketten hat und wie es das entsprechende Risiko versucht zu minimieren. Insgesamt bestätigten nur zehn, dass sie Geschäftsbeziehungen zu Bunge unterhalten. Die Einzelhandelsunternehmen Carrefour, Casino, ALDI Süd und Ahold Delhaize kündigten an, die von uns erhobenen Vorwürfe gegen Bunge untersuchen zu wollen. Von den Unternehmen, die auf unsere Nachfrage reagierten, gaben immerhin 18 an, dass sie kein Bunge-Soja in ihren Lieferketten haben, wie zum Beispiel Cooperl in Frankreich oder der deutsche Futtermittelproduzent AGRAVIS. 57 Prozent äußerten sich in ihren Antworten nicht zu ihren Verbindungen zu Bunge, oder konnten nicht sicherstellen, dass sie keine Verbindungen zu dem Agrarhändler haben.

Bunge hat gegenüber Mighty Earth schriftlich bestätigt, dass sie in letzter Zeit Soja direkt von vier der acht Farmen bezogen haben, bei denen in unserer Untersuchung Abholzungen festgestellt wurden. Bunge nannte die Farmen nicht namentlich und gab auch nicht an, ob die anderen vier Farmen sie indirekt belieferten. Bunge zeigte keinerlei Absicht, die Lieferungen von den vier Farmen zu stoppen, da die Abholzung nach brasilianischem Recht legal sei. Dabei stellte Bunge erst in Mai 2022 sein Null-Entwaldungsziel für das Jahr 2025 vor[6], nach dem Bunge dann kein Soja mehr akzeptieren würde, das von Flächen stammt, die nach 2020 gerodet wurden. In seinem Schreiben bekennt sich das Unternehmen nun nicht mehr zum Stichjahr 2020 und kündigte an, weiterhin Geschäftsbeziehungen zu den in unserem Bericht genannten Farmen zu unterhalten. Bunge hat auch keine Untersuchung darüber angekündigt, ob das Unternehmen indirekt Soja von anderen Farmen mit einem hohen Entwaldungsrisiko im Cerrado bezieht. Die Antwort von Bunge unterstreicht noch einmal, dass ihre derzeitigen Leitlinien und Praktiken nicht mit einer ernsthaften Politik zur Bekämpfung der Abholzung und der Zerstörung natürlicher Ökosysteme vereinbar sind.

 

Mighty Earth und die Deutsche Umwelthilfe fordern den Einzelhandel und die Fleischindustrie dringend auf:

  • Schließen Sie Entwaldungsverursacher konsequent aus ihren Lieferketten aus, indem Sie sofort alle direkten und indirekten Verbindungen zu Sojafarmen, Händlern, sowie Fleisch- und Molkereibetrieben einstellen, die Naturzerstörungen nach 2020 und nach Möglichkeit einem früheren Stichtag nicht ausschließen können.
  • Richten Sie eine spezielle öffentliche Plattform ein, auf denen die Herkunft des Sojas auf Konzernebene (einschließlich Händler, Häfen, Silos, Crusher sowie direkte und indirekte Erzeuger) und Warnungen veröffentlicht sowie der Anteil des Sojas, der aus Lieferketten ohne Abholzung und ohne Naturzerstörung stammt, aufgeführt wird.

 

Mighty Earth und die Deutsche Umwelthilfe fordern Bunge dringend auf:

  • Verabschieden Sie eine ehrgeizige “No Deforestation, No Exploitation”-Politik mit dem Stichtag 2020 oder möglichst früher für Entwaldungen und den Umbruch aller natürlichen Ökosysteme und setzen Sie diese um. Beenden Sie unverzüglich die wirtschaftlichen Beziehungen zu Farmen und Lieferanten, die nachweislich gegen diese Politik verstoßen.
  • Richten Sie einen offenen und öffentlichen Beschwerdemechanismus ein, um über alle Fälle von Naturzerstörung und Menschenrechtsverletzungen zu berichten und diese zu verfolgen.
  • Verbieten Sie jegliche Geschäftsbeziehungen mit Farmen und Lieferanten, die mit Verstößen gegen die Menschenrechte, die Rechte indigener Bevölkerung oder Landrechten in Verbindung gebracht werden.

 

Mighty Earth und die Deutsche Umwelthilfe fordern die EU dringend auf:

  • Beziehen Sie den Cerrado und alle anderen natürlichen Ökosysteme ausdrücklich in den Geltungsbereich der EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) ein und bekräftigen Sie ein umfassendes Enddatum für die Zerstörung von natürlichen Ökosystemen, nicht später als 2020.
  • Ablehnung aller Freihandelsabkommen, die empfindliche natürliche Ökosysteme (wie den Cerrado) bedrohen und die Rechte und Lebensgrundlagen traditioneller und indigener Gemeinschaften nicht schützen.

Bitte beachten Sie, dass wir in diesem Bericht den Begriff “Entwaldung” für alle Umwandlungen von bewaldeten Flächen (Wald und Savanne) und “Zerstörung” für die Umwandlung natürlicher Ökosysteme in Feuchtgebiete und Grasland verwenden.

 

 

 

[1] “Bunge promete desmate zero em 2025, mas seus fornecedores derrubaram 11 mil hectares de Cerrado em 2 anos,” Repórter Brasil, André Campos and Poliana Dallabrida, 19 May 2023

[2] “Desmatamento no cerrado cresce 83% em maio; acumulado é recorde,” Folha de S.Paulo, João Gabriel, 7 June 2023

[3] “Desmatamento no cerrado cresce 83% em maio; acumulado é recorde,” Folha de S.Paulo, João Gabriel, 7 June 2023

[4] “‘What’s at stake is the life of every being’: Saving the Brazilian Cerrado,” Mongabay, Peter Yeung, 11 February 2021

[5]  Abiove/Agrosatélite Geotecnologia Aplicada Ltda (2022) Análise geoespacial da expansão

da soja no bioma Cerrado: 2000/01 a 2021/22, Abiove/Agrosatélite Geotecnologia Aplicada Ltda: São Paulo/Florianópolis, Brazil

[6] Bunge (2022) Non-Deforestation Commitment: 2022 Global Sustainability Report, Bunge: Chesterfield, MO, United States

 

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